Erinnerungen aus den Jahren 1972 – 1984 (Ulf Engel)

Quelle: Rohr-Spatz – Jubiläumsausgabe 2006
75 Jahre Sgem Vaihingen/Rohr e.V

01 Fischerwelle erfasst jugendliche Schachspieler
02 Die Erste steigt ab
03 Erste Erfahrungen in Mannschaftskämpfen
04 Eine Chance für die Jugend
05 1976/77: Kapriolen in der A-Klasse
06 Die Heldentat des Dr. Ruhrmann
07 Aufwärts
08 1983/84: Aufstiege und ein trauriger Abschied
09 Das Dream Team der Jahre 1972 bis 1984

01 Fischerwelle erfasst jugendliche Schachspieler

Der historische Sieg Bobby Fischers über Boris Spasski im Sommer 1972 löste im Westen eine Schachbegeisterung aus, die auch mich erfasste. Ich begann die Spielabende der SG Vaihingen-Rohr zu besuchen, die damals im Cafe Geiler stattfanden. Zum stark frequentierten Jugendschach erschienen bis zu zwei Dutzend Jugendliche. Hartmut Grau war vermutlich derjenige, der am weitesten hätte kommen können; er war in den 70ern der einzige Vertreter unseres Vereins, der sich – 1974 – wenigstens einmal für die Landesjugendeinzelmeisterschaft qualifizierte. Ob nur das Fehlen eines systematischen Jugendtrainings dafür verantwortlich gemacht werden kann, dass kein Einziger von uns zu höheren Weihen aufstieg, wie von mir in der 1994er-Version dieses Beitrages vermutet, scheint mir heute zweifelhafter als damals.
Die damaligen Jugendlichen anderer Vereine, mit denen zumindest einige von uns anfänglich noch fast auf Augenhöhe spielten und die heute als Verbands-, Ober-, gar Bundesligaspieler etabliert sind (ich erwähne Peter Bauer, heute noch für HP Böblingen in der 2. Liga aktiv, der schon vor über 20 Jahren für den VfL Sindelfingen in der ersten Liga spielte) hatten uns wohl das wesentlich höhere eigene Engagement und letztlich eben doch auch Talent voraus.

02 Die Erste steigt ab

Vaihingen/Rohr I spielte zu jener Zeit in der Landesliga, damals unterhalb der Oberliga noch die zweitstärkste Spielklasse. Die Namen Seibold und Gauß (und andere) sagten uns durchaus etwas; die erwachsenen, älteren Schachfreunde verknüpften mit ihnen raunend das Wort „Meistermannschaft“, was sich uns erst im Laufe der Zeit so erschloss, wie es die Vereinschronik verzeichnet – die beiden Genannten waren die „letzten Mohikaner“ der Mannschaft, die 1950 den württembergischen Titel errungen hatte. Zwar lebte Paul Seitz noch und war hin und wieder auch am Spielabend zu sehen (einmal gab er eine Simultanvorstellung gegen ca. 6-8 Jugendliche), er war jedoch nicht mehr aktiv, gleichwohl noch „aus einer anderen Welt“. Der ganze Ruhm nützte freilich im Frühjahr 1973 nichts mehr. Die erste Mannschaft stieg in die Bezirksliga ab, wo sie eine halbe Ewigkeit verbringen sollte. Verbunden mit der Einführung der Verbandsliga (unterhalb der Oberliga) sowie zunächst der vier-, später einteiligen Bundesliga mit einem viergeteilten Unterbau als 2. Liga, war mit dem langen Verweilen in der Bezirksliga etappenweise das Versinken in der Sechstklassigkeit verbunden, dies trotz z. T. großzügiger Aufstiegsregelungen (einmal hätte Platz 4 gereicht).

03 Erste Erfahrungen in Mannschaftskämpfen

Im Januar 1973 kam ich in der C-Klasse zu meinem ersten Einsatz in der 5. Mannschaft, ein Auswärtsspiel in Botnang. Am Nebenbrett saß Matthias Naumann, später für einige Jahre ein treuer Weggefährte in der 1. Mannschaft. Offiziell war er aber gar nicht anwesend – er hätte eigentlich in der 6. Mannschaft spielen sollen, die aber an jenem Sonntag überbelegt war. Dafür war Ulrich Wünsch, in der 5. Mannschaft gemeldet, nicht erschienen. Also hatte Alfred Mertens vor der Abfahrt am Cafe Geiler kurzerhand bestimmt, dass Matthias unter falschem Namen in Botnang antreten sollte… 33 Jahre später darf man’s ja wohl erzählen. Der Mannschaftskampf ging verloren, mir aber gelang ein Sieg, indem ich, um es mit Matthias‘ Worten zu sagen, „mit Springer und Bauer“ matt setzte. Mehr weiß ich nicht mehr, da ich die Aufzeichnung nicht mehr besitze. Nach einem recht erfolgreichen Jahr 73/74 wurde ich 1974/75 in die 3. Mannschaft gesteckt und durfte somit in der B-Klasse erstmals mit respektierten Erwachsenen wie Hans Dülsen, Josef Schäftner, Willy Huck, Manfred Seher und Gerhard Lauppe spielen. Wir verpassten den Aufstieg erst in den letzten Runden gegen die direkten Konkurrenten Sindelfingen VI und VII.

In Erinnerung habe ich bis heute ein sehr angenehmes Mannschaftsklima und die Fahrten zu den Auswärtsspielen in den Wagen von Willy Huck oder Manfred Seher. Auf der Hinfahrt gab es meistens Diskussionsstoff aufgrund der Fußballspiele vom Vortag (auch der legendäre Sieg des VfB Eppingen im Pokal gegen den HSV wurde intensiv nachbesprochen), der Rückweg war der nicht minder intensiven „Analyse“ unserer Partien gewidmet.

1975/76 war ich Stammspieler in der 4. Mannschaft, die als reine Jugendmannschaft den Aufstieg aus der C-Klasse packen sollte. Naumann – Ruckeisen – Roth – Holm – Detmers – Engel – Emhardt – Engelin waren in der Tat zu stark für die Konkurrenz. Nur einmal war es knapp, als wir nämlich beinahe den vorzeitigen Aufstieg verbummelt hätten. Der Schachverein Kolping hatte uns in der drittletzten Runde am Rande des Mannschaftsremis‘.


Beim Stand von 4:3 für uns stand Andreas Holm auf Verlust – bis es zur folgenden Stellung kam (Holm als Weißer am Zug):
Schwarz hatte soeben seinen Turm nach a2 gestellt. Die meisten von uns sahen gleich, was jetzt los war; Andy ließ uns lange zappeln, bis er endlich Lc4+ spielte. 4,5:3,5 und 10-0 Punkte:

Wir waren durch!
 
 
 

04 Eine Chance für die Jugend

Nach durchaus kontroversen Diskussionen im Spielausschuss setzten sich bei der Aufstellung für 1976/77 letztlich diejenigen durch, die mit Alfred Mertens der Meinung waren, dass einige Jugendliche nunmehr reif für Einsätze in den ersten beiden Mannschaften waren. Ich muss heute zugeben, dass man kaum vorhersehen konnte, wie erfolgreich dieses Experiment ausgehen würde. Gerade noch C- und B-Klasse, jetzt auf einmal A-Klasse und Bezirksliga! Hermann Detmers, Matthias Naumann und ich mussten gleich im ersten Spiel in der „Ersten“ aushelfen, die in der vorangegangenen Spielzeit so eben noch dem Abstieg entronnen war. Wir gewannen alle drei! Dennoch verlor die Mannschaft, was ihren damals desolaten Zustand verdeutlicht. Matthias (der 1976 im Vereinsturnier Dritter geworden war) avancierte zum Quasi-Stammspieler und holte 5 aus 7, ich als „Joker“ 3,5 aus 4, was mir für die folgenden zwei Jahre einen Stammplatz eintrug. In aller Bescheidenheit möchte ich sagen, dass es in diesen Jahren gerade wir Jüngeren waren, die in kritischen Situationen nicht kniffen, sondern fighteten und so manchen Punkt retten konnten. Davon zeugt dieser Partieausriss aus dem Folgejahr:

Engel – Schumann (aus Feuerbach – Vaihingen/Rohr 4:4, Februar 1978)


Stellung vor dem 31. Zug von Weiß. Nach fast drei Stunden standen wir vor einer kaum noch abwendbaren Niederlage. Meine Lage war kritisch, zudem hatte ich für zehn Züge noch zehn Minuten, für meine damals geringe Erfahrung war ich in Zeitnot. Man nehme den Schluss dieser Partie nicht unter die analytische Lupe (wir übersahen beide mehrfach taktische Möglichkeiten für Schwarz auf e4), sondern versuche, ihn so zu sehen, wie ihn die mitfiebernden Mannschaftskollegen von der Seite erlebt haben mögen:

Das einzige Mal, dass ein Partiegewinn für die Mannschaft mir eine Umarmung (durch Claus Franke) eintrug.

05 1976/77: Kapriolen in der A-Klasse

Im ersten Jahr der „Jugendbewegung“ spielte ich ja auch noch in der „Zweiten“, die den Aufstieg knapp verpasste. Nach zwei Siegen wurden wir vom punktgleich gestarteten Konkurrenten Waldenbuch mit 7,5:0,5 böse vermöbelt, nur Gerhard Lauppe rettete unsere Ehre. Waldenbuch und Gärtringen lagen jetzt mit 6-0 Punkten vor uns. So geschockt, verloren wir gleich noch einmal gegen eine Mannschaft aus dem Mittelfeld, wo wir daraufhin selber standen. Zugleich schlug Gärtringen ausgerechnet Waldenbuch mit 7:1, und wir mussten anschließend nach Gärtringen. Auf dem Papier war ja nun alles andere als ein 0:8 illusorisch. In der Tat aber gewannen Franke – Huck – Detmers – Emhardt – Schlüter – Engel – Lauppe – Seher mit 6,5:1,5! Zurück in Vaihingen feierten wir ausgelassen noch lange in der „Krone“ und beschlossen, jetzt einfach alle weiteren Spiele zu gewinnen (was gelang) und doch noch aufzusteigen (das gelang erst im Folgejahr).

06 Die Heldentat des Dr. Ruhrmann

Nach Jahren der mühsam gesicherten Klassenerhalte wurde die 1. Mannschaft 1981/82 mit der verjüngten Stammacht Seibold – Hägele – Scheef – Ruhrmann – Plautz – Gröbe – Engel – Grau und der klaren Erwartung, aufzusteigen, ins Rennen geschickt. Das mag illusorisch gewesen sein; dass wir aber nach drei Runden nach einem 4:4 gegen Herrenberg und Niederlagen gegen Cannstatt III (deklassierend!) und Rot (vier Gewinnstellungen gingen verloren) mit 1-5 Punkten auf Platz 8 die rote Laterne halten würden, hatte auch niemand für möglich gehalten.

Dass der SC HP Böblingen, unser nächster Gegner, dereinst in der 2. Bundesliga spielen würde, konnte man damals noch nicht ahnen. Uns reichte schon, dass sie in jenem Jahr um den Aufstieg mitspielten, uns vermutlich schlagen und noch tiefer in den Schlamassel stoßen würden.

Nicht unerwartet lagen wir bei Partieabbruch (ich wiederhole mich: damals gab es so etwas noch, wahrscheinlich auch den Weihnachtsmann…) mit 2:3 zurück. Zwei der drei noch ausstehenden Ergebnisse standen allerdings schon so gut wie fest, sodass es de facto 3:4 gegen uns stand. Nur in Dr. Ruhrmanns Partie war noch nicht alles klar, leider hatte er schlicht und ergreifend eine Qualität weniger. Ein Remis schien nicht unrealistisch, war nur völlig nutzlos.

Plautz, Hägele und Ruhrmann bewegten konzentriert die Figuren, unternahmen immer wieder neue Anläufe. Soweit wir anderen, die wir ab und zu von weitem einen Blick aufs Analysebrett warfen, es beurteilen konnten, tat sich jedoch lange nichts Entscheidendes. Deutlich mehr als die Hälfte der damals üblichen Stunde vor Wiederaufnahme war bereits verstrichen, als Eberhard Hägele auf einmal einen Zug vorschlug, der, wie sich schnell zeigte, den von Dr. Ruhrmann geführten schwarzen Steinen zu deutlich mehr Aktivität verhalf als alles, was bis dahin auf dem Brett gestanden hatte.

Für die ganze Mannschaft – keiner war nach Hause gefahren – war es wie ein Stromstoß. Volkmar Scheef schaltete sich noch ein, wir anderen steckten über einem zweiten Brett die Köpfe zusammen, natürlich nicht, um ernsthaft einzugreifen, sondern nur, um nachzuvollziehen, was sich dort drüben tat. Das Frustschieben hatten wir einfach vergessen. Die Zeit reichte nicht mehr, um zu einem klaren Urteil zu kommen, aber Dr. Ruhrmann versprach, er werde die Partie „bis zum t-z“ auskämpfen.

Auch hier ist zu sagen, dass es sich bei den Kontrahenten um gestandene Bezirksligaspieler und nicht um Profis handelt. Ohne irgendein gebundenes Interesse am Ergebnis mag manches selbstverständlich aussehen. Eine Computeranalyse könnte ergeben, dass Weiß auf Gewinn steht (ich habe es nicht geprüft).

Dr. Ruhrmann konnte sich, als er wieder an seinem Brett Platz nahm, nur auf das verlassen, was er zusammen mit seinen zwei „Sekundanten“ in kaum 60 Minuten ausgeheckt hatte. Es gab keinerlei Garantie dafür, dass die Böblinger nicht etwas völlig anderes entdeckt hatten, zumal nur sie wussten, welchen Zug ihr Mannschaftskollege abgegeben hatte. Und alle anderen konnten sowieso nur zuschauen.

Also: Caspers (HP Böblingen) – Dr.Ruhrmann; Budapester Gambit; gespielt am 07.02.1982:
(Bedienhinweis: durch Klicken auf einen Zug öffnet sich ein Popup Fenster mit der aktuellen Stellung)

Dr. Ruhrmann hatte uns nicht nur das Mannschaftsremis gerettet, sondern zudem viele Hände zu schütteln, da auch alle Böblinger Spieler fair gratulierten.

Es mag übertrieben erscheinen, einer einzelnen Partie so viel Bedeutung beizumessen. Wir waren mitten in der Saison (der Januartermin war wegen plötzlichen Wintereinbruchs abgesagt worden und war noch nachzuholen). Selbst im Falle einer Niederlage wären wir bei drei noch ausstehenden Paarungen trotz nur 1-7 Punkten immer noch im Rennen gewesen.

Wenn ich mir die damalige Stimmungslage vergegenwärtige, bin ich mir aber sehr sicher, dass wir den Klassenerhalt nicht mehr gepackt hätten. Als Mannschaft waren wir kaum noch existent gewesen, Unkenrufe waren an der Tagesordnung. Volkmar Scheef war auf dem Absprung; mit seinen 19 Jahren hätte er schon damals Landes- oder Verbandsliga spielen können. Ein Abstieg der 1. Mannschaft in die Kreisklasse hätte die Weichen für die Entwicklung der folgenden Jahre in eine ganz andere Richtung gestellt. Nach dem am Ende so wundersamen Punktgewinn in Böblingen aber war alles anders. Jetzt waren wir eine Mannschaft, die auch für den letzten Abschnitt der Saison etwas anders formiert wurde: Mit dem 16jährigen Christian Müller kam ein weiterer junger Spieler hinzu. Diese „neugeborene“ Mannschaft stand am Ende mit 6-8 Punkten vor den Absteigern.

Und ich erhalte die Behauptung aufrecht, dass Dr. Ruhrmann uns damals mit seiner kämpferischen Glanzleistung und genau dieser einen Partie vor dem Abstieg gerettet hat.

07 Aufwärts

Im Frühjahr 1982 tauchten im Vereinslokal neue Gesichter auf. Hans-Joachim Jordan, Manfred Lube und Karlheinz Fischer erwiesen sich als starke Spieler, und so einigten sich die beteiligten Mannschaftskollegen schnell auf die neue Aufstellung Scheef – Seibold – Gröbe – Fischer – Jordan – Lube – Hägele – Plautz. Dr. Ruhrmann und ich standen als „freie“ Ersatzleute auf 9 und 10, standen also der zweiten Mannschaft nicht zur Verfügung. Neben Zeitgründen spielte dabei auch die Erwägung eine Rolle, den Personalzuwachs der 1. Mannschaft nicht ungebremst auf alle anderen Mannschaften durchschlagen zu lassen. Vor allem die Stammspieler der 2. Mannschaft waren dafür dankbar. Das sah allerdings am Saisonende ganz anders aus, denn zum Erstaunen aller verpasste die „Zweite“ 1982/83 in der Kreisklasse den Klassenerhalt!

Kurioserweise stieg just in diesem Jahr die 3. Mannschaft – nicht minder überraschend – in die Kreisklasse auf, wodurch „technisch“ betrachtet der Abstieg der „Zweiten“ repariert war. Nur – wie sollte man jetzt die Mannschaften aufstellen? Dazu später.

Die 1. Mannschaft tat derweil, was sie seit dem Abstieg von 1973 nicht getan hatte: Sie spielte oben mit! Einen Start mit drei deutlichen Siegen hatte es nie gegeben. Beim direkten Vergleich mit Wolfbusch 2 hatten wir leider keine Chance. Für Wolfbusch spielte allerdings an den ersten vier Brettern eine halbe Mannschaft mit langjähriger Bundes- und Zweitligaerfahrung; ernsthaft konnten wir in diesem Jahr nicht mit dem Aufstieg rechnen. Psychologisch jedoch bedeutete die am Ende errungene Vizemeisterschaft sehr viel. Nicht zuletzt war es nun für Alfred Mertens leichter, mit Wolfgang Kolb eine gewaltige Verstärkung an Land zu ziehen. Wolfgang hatte langjährige Oberligaerfahrung in Würzburg gesammelt und war als neues Brett 1 unumstritten. Nominell, d. h. laut Durchschnitt der Wertungszahlen, standen Kolb – Scheef – Fischer – Gröbe – Lube – Seibold – Hägele – Plautz schon vor der Saison an der Spitze der aus neun Mannschaften bestehenden Staffel 2 der Bezirksliga.

Das erwähnte Aufstellungsproblem hinsichtlich der 2. Mannschaft wurde meines Erachtens vernünftig gelöst. Nach z. T. heftigen internen Diskussionen – die „Dritte“ wäre am liebsten geschlossen in die Kreisklasse aufgerückt – entschied man, die „Zweite“ mit den stärksten zur Verfügung stehenden Spielern zu bestücken. Engel – Ruhrmann – Jordan – Thomä – Müller – Franke – Huck – Geismar sollten beweisen, dass der Abstieg nur eine Panne gewesen war.

08 1983/84: Aufstiege und ein trauriger Abschied

Was für eine Saison!

Die „Erste“ startete erwartungsgemäß mit einem deutlichen 5,5:2,5-Sieg gegen Sindelfingen IV. Dann geriet sie in Stolpern, trudelte nach vier Runden abgeschlagen mit vier Punkten Rückstand auf Platz 6, kam wieder in Tritt und holte nach einem – darf ich das jetzt mal so sagen? – dramatischen Finish, in dem zeitweise fünf Mannschaften seriöse Aufstiegsambitionen hatten, dank eines einzigen Brettpünktleins in letzter Sekunde doch noch Platz 1. Das ist die Kurzbeschreibung der bis heute spannendsten Verbandsrunde, an der ich jemals (in diesem Falle als Ersatzspieler) mitwirkte. Als Höhepunkt möchte ich nur die Schlussrunde ins Gedächtnis rufen, die mit dieser Tabellenspitze als Ausgangslage startete:

Vaih/Rohr 10-4/32,
Sindelfingen IV 10-4/32,
Zuffenhausen 10-4/31,
Cannstatt III 9-5/29.

Hätte nicht just die Paarung Sindelfingen – Zuffenhausen noch ausgestanden, sodass zumindest ein Konkurrent noch herausfallen würde, wäre diese Runde wohl der Ziehung der Lottozahlen gleichgekommen. Stichkämpfe lagen im Bereich des Möglichen. Zum Glück ging es auch einfacher. Wir gewannen in Degerloch mit 5,5:2,5. Bei der Paarung in Sindelfingen war ja wohl ein knappes Ergebnis zu erwarten. Heinrich Geismar und ich fuhren zwischendurch dorthin, um zu spicken, und gerieten in ein aufregendes Hauen und Stechen, das nach einem äußerst knappen Ausgang roch. Wir blieben nicht lange und erfuhren das Sindelfinger Ergebnis erst am Telefon. Der Sindelfinger Mannschaftsführer fragte zunächst nach unserem Ergebnis und beglückwünschte uns sofort zum Aufstieg, denn seine Mannschaft hatte mit 4,5:3,5 gewonnen – ein Brettpunkt zu wenig. Wir feierten lange, doch in gedämpfter Stimmung, denn wer in unserer Mitte fehlte, war Eugen Plautz. Er war zwei Monate zuvor verstorben, nachdem seine altbekannten Herzprobleme ihm mehr und mehr zugesetzt hatten. Gerade ihm, der mit der 1. Mannschaft über die Jahre viele negative Erlebnisse verkraften musste und den die Rückschläge in der ersten Saisonhälfte deprimiert hatten, wäre es zu gönnen gewesen, den Aufstieg noch mitzuerleben.

null

Die erste Mannschaft von 1983/84 feiert den Aufstieg in die Landesliga Stuttgart. Von links: Karl-Heinz Fischer, Volkmar Scheef, Wolfgang Kolb, Ulf Engel, Ulrich Gröbe, Manfred Lube, Claus Franke, Christian Müller und ganz rechts der damalige erste Vorsitzende Alfred Mertens.

Die „Zweite“ legte demgegenüber eine gleichmäßig starke Saison hin. Ein Patzer in der dritten Runde wurde durch einen Sieg gegen Tabellenführer Leinfelden umgehend wieder ausgebügelt, und am Ende war der Vorsprung deutlicher, als es der eine Mannschaftspunkt besagte, den wir vor Leinfelden lagen. Claus
Franke kokettierte ein wenig mit seinem Sprüchlein „ihr habt keine Ahnung, wie ich meine Partien gewinne, ich kann das alles nicht mehr berechnen, ich hau einfach rein“, spielte aber wie ein junger Gott und holte 5,5 aus 6, das Rekordergebnis der Saison.

Somit war die Saison 1983/84 mit dem gleichzeitigen Aufstieg der „Ersten“ und der „Zweiten“ die erfolgreichste Spielzeit seit 1973.

09 Das Dream Team der Jahre 1972 bis 1984

1984 verließ ich Stuttgart studienhalber. Zwar spielte ich noch bis 1990 für die ersten beiden Mannschaften unseres Vereins, doch die Tuchfühlung mit dem Vereinsleben ging natürlich nach und nach verloren. Deshalb endet die Aufzeichnung meiner Erinnerungen hier.

Ich schließe mit den „Seventies Eighties All Stars“, die ich gerne noch einmal in einer Mannschaft spielen sehen würde, wenn das möglich wäre. Manche musste ich schweren Herzens streichen, zuvorderst zu nennen Matthias Naumann und Christian Müller. Mit der Aufstellung des Dream Teams ist mein großer Dank an alle genannten und ungenannten Mannschaftskollegen verbunden. Also:

Brett 1: Eugen Plautz, mutigster Ritter eines großen Angriffsspiels;

Brett 2: Claus Franke, wundervollen Angriffen, gerne mit Opfern, nicht minder abhold. 1977 war, nach der großspurigen Ankündigung seines Gärtringer Gegenspielers, die auf dem Brett befindliche Stellung „gegen Bobby Fischer“ zu gewinnen, er derjenige, der wenige Züge später „Matt!“ sagte;

Brett 3: Eberhard Hägele, der 1978/79 für die 1. Mannschaft 7 aus 7 holte. Einige Jahre zuvor hatte er kurzfristig ein wichtiges Spiel für die stark gefährdete „Erste“ vergessen. Er musste absagen; die verbliebenen sieben Vaihinger aber holten sieben Punkte. Mit seinem Rekordergebnis trug er also Punkt für Punkt seine Schuld ab… Unvergessen, wie er, als Dr. Ruhrmann nach verlorenem Match „für alle, die
heute unglücklich verloren haben“ einen ausgab, mit der Frage konterte: „Wer
hat denn glücklich verloren?“

Brett 4: Wolfgang Kolb, der nicht nur durch starkes Spiel, sondern auch durch seine offene Art, die Dinge anzusprechen, und nicht zuletzt durch die Gründung des „Rohrspatz“ sehr viel für unseren Verein getan hat. Als er kam, stiegen wir auf;

Brett 5: Volkmar Scheef, der Anfang der 90er unerklärlicherweise und spurlos von der Bildfläche verschwand. Seit 1980 spielte er an vorderen Brettern in der 1. Mannschaft, war nach Kolb das zweite Zugpferd für den Wiederaufstieg der „Ersten“. Er schaffte mehr als 150 Stunden am Vereinsheim. Seine Stellungsanalysen waren stocknüchtern – und zutreffend;

Brett 6: Uli Gröbe, der auch heute noch am tiefsten und am längsten in die Stellungen schaut;

Brett 7: Dr. Wolfgang Ruhrmann, besonders in Springerendspielen ein gefürchteter Gegner. Der wichtigste Punkt, den er je geholt haben dürfte, ist ausführlich gewürdigt worden. Er war auch in schlechten Zeiten ein unermüdlicher Antreiber, baute Mannschaftskollegen nach Niederlagen immer wieder auf;

Brett 8: Dr. Willy Huck, von den (neben Alfred Mertens) zwei Vätern des Vereinsheims derjenige, der die weit größere physische Last zu tragen hatte. Bei der Bewertung seiner Stellungen neigt er eher zum Optimismus als seinerzeit vor dem Bau des Vereinsheims bei der Frage nach der Realisierbarkeit des ganzen Projekts.

Ulf Engel, heute Schachfreunde Heidelberg

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